Repetitives Verhalten: Ursachen und Umgang

Es gibt viele Klischees, die in der Bevölkerung typischerweise mit Autismus assoziiert werden. Dazu gehört natürlich deren besonderes Verhältnis zu Emotionen, vor allem aber auch manche auffälligen Verhaltensweisen.

Immer und immer wieder

Wer englisch spricht, kennt das Wort (to) repeat – sich wiederholen. Repetitives Verhalten ist genau das: Ein bestimmtes Verhaltensmuster, das immer und immer wieder wiederholt wird. Ein weiterer Aspekt ist die Vergleichbarkeit mit einem festen Ritual: Wenngleich man auch in einem festen Wiederholungsmuster atmet und blinzelt, würde man hier nicht von repetitivem Verhalten sprechen. Repetitives Verhalten ist immer bestimmt von Abläufen und Verhaltensweisen, die zumindest potentiell (wenngleich in der Praxis leider nicht immer) bewusster Kontrolle unterstehen und immer auf nahezu exakt gleiche Weise wiederholt werden.

Dazu gehört zum Beispiel, Gläser im Schrank immer auf die exakt gleiche Weise anzuordnen, sich besonders häufig und immer auf die gleiche Weise die Hände zu waschen oder immer zur exakt gleichen Zeit am gleichen Wochentag die das gleiche Essen zu essen.

Ebenfalls sehr häufig: „Ticks“

Im allgemeinen Sprachgebrauch häufig als „Tick“ bezeichnet werden repetitive Verhaltensweisen, die hauptsächlich auf körperlicher Ebene ablaufen. Der Begriff ist an sich problematisch, denn er wird von vielen Betroffenen als zu verharmlosend und „niedlich“ empfunden. Solche körperlichen repetitiven Verhaltensweisen können zum Beispiel vor- und Zurückwippen des Oberkörpers sein, manchmal begleitet durch ein leises vor sich hin Summen. Andere Erscheinungsformen sind wiederholtes Kopfschütteln, oder repetitives Drehen der Finger.

„Tick“ ist vor allem deswegen ein problematischer Begriff, weil es auch repetitive Verhaltensweisen gibt, die direkt schädliche Wirkung haben können. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass an den Fingernägeln kauen zu exzessiv betrieben wird, oder sogar Kratzen und Beißen können im Extremfall repetitives Verhalten werden.

Diese Verhaltensweisen sind aber nicht rein zufällige Muster: Oft haben sie auch eine Wirkung, die trotz des körperlich manchmal unangenehmen Charakters und der sozialen Auswirkungen für die betroffene Person trotzdem angenehm sein kann. Sie sind also bei Menschen mit Autismus oft gar nicht so zwanghaft wie es scheint, sondern haben einen Grund.

Wiederholung als Selbstschutz

Eine Erklärung für repetitive Verhaltensweisen ist, dass die betroffene Person diese „nicht im Griff hat“, das heißt, dass die Verhaltensweisen ohne bewusste Entscheidung quasi automatisch, unbewusst und unkontrolliert auftreten. Anzumerken ist hier, dass unkontrolliert nicht in jedem Fall das gleiche ist wie unkontrollierbar – wobei auch das eine mögliche Erscheinungsform von repetitivem Verhalten ist. Ticks zum Beispiel sind häufig sehr schwer bis gar nicht kontrollierbar.

Meist jedoch hat repetitives Verhalten gerade bei Menschen mit Autismus eine Funktion. In Momenten von Reizüberlastung und Überforderung können diese Verhaltensweisen ein Besinnen auf den eigenen Körper schaffen und so eine Rückzugsmöglichkeit, wo ansonsten keine bestehen würde. In dieser Funktion spricht man von „Stimming“, einer Abkürzung des englischen „Self-Stimulating Behavior“, oder zu deutsch: Sich selbst stimulierendes Verhalten. Somit ist repetitives Verhalten zwar oft gerade in sozialen Situationen schwierig zu handhaben, dient jedoch als wichtige Schutzfunktion gegen Überforderung.

Mitmenschen können, wenn klar darüber kommuniziert wird, nicht nur lernen, repetitive Verhaltensweisen besser zu verstehen, sondern auch, diese als besondere Eigenart des betroffenen Menschen schätzen lernen.

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