Muss ich mich als Autist „outen“?

Unsere Gesellschaft ist für das Anderssein offener als je zuvor. Trotzdem stellt sich manch einem die Frage, ob (und wenn ja wann) ein sogenanntes „Outing“ von Menschen mit Autismus notwendig oder sinnvoll ist. Muss ich anderen erklären, was es mit meinem Anderssein auf sich hat?  

Offener Umgang mit Autismus

Die Entscheidung, ob, mit wem und wann man über seine Diagnose Autismus spricht, kann und sollte jeder für sich selbst treffen. Niemand ist dazu verpflichtet, anderen Menschen sein Anderssein erklären zu müssen. Viele machen jedoch die Erfahrung, dass ein offener Umgang mit der eigenen Diagnose hilfreich ist. Vor allem im direkten Umfeld bei Familie und Freunden hilft das miteinander Sprechen über das Anderssein, ebendieses zu akzeptieren und das möglicherweise manchmal ungewöhnliche Verhalten zu verstehen. Es erleichtert manche Situationen, wenn die näheren Mitmenschen – Familie, Freunde, Kollegen – eigene Besonderheiten und Reaktionen zu- und einordnen können.

Ein „Outing“ sollte also im direkten Umfeld kein Problem darstellen. Im Gegenteil: Über (den eigenen) Autismus zu sprechen fördert das Miteinander und lässt Unterschiede weniger trennend wirken. Vor allem, da es nicht „den“ Autismus gibt, sondern jeder Mensch mit Autismus ganz individuell ist – genau wie jeder neurotypische Mensch. Im Dialog lassen sich solche Unterschiede, aber vor allem die Gemeinsamkeiten des „einfach Mensch-Seins“ viel besser feststellen und verstehen.

„Outing“ im Beruf

Aber ist diese Offenheit hinderlich, wenn es um Karrierechancen geht? Wird man im Kollegium unter Umständen nur noch als „Der/die Autist/in“ definiert? Dieses „Schubladen-Denken“, also das Denken in Kategorien, ist immer noch sehr verbreitet. Bekannt ist aber auch, dass neurotypische Menschen oft eine Erklärung für abweichende Reaktionen brauchen, um den Umgang damit zu üben. Dieses Verhalten kann für alle Beteiligten anstrengend sein, hängt jedoch mit dem menschlichen Bedürfnis zusammen, seine Mitmenschen einschätzen und kennenlernen zu wollen.

Es kann also auch im beruflichen Umfeld förderlich sein, offen über Autismus zu sprechen. Missverständnissen wird vorgebeugt, Umgangsformen können sich gut den Bedürfnissen anpassen. Und es ist ein positiver Trend, dass Menschen mit Autismus im letzten Jahrzehnt zunehmend häufiger Anstellung finden. Das ist gut, denn Aufgaben haben, Teil eines Teams sein und Unabhängigkeit sichern – All diese Dinge werden durch einen Beruf abgedeckt.

Ehrlichkeit und Respekt im Umgang

In vielen Fällen machen Menschen mit Autismus die Erfahrung, dass sie mit einer unmittelbaren Kommunikation über ihre Diagnose auf mehr Verständnis stoßen, wenn schlicht die Gründe ihres Andersseins bekannt sind. Zudem sind Direktheit und Ehrlichkeit bekanntlich Aspekte, die mit Autismus assoziiert werden. „Um den heißen Brei reden“, also nur sehr indirekt ausdrücken was man meint, oder direkt zu bestimmten Dingen zu lügen, das tun Menschen mit Autismus seltener. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum Menschen mit Autismus sich in vielen Fällen sehr schnell als solche zu erkennen geben.

Verpflichtet ist dazu natürlich niemand. Ob, wann und mit wem man über seinen Autismus spricht – diese Entscheidung trifft jeder für sich selbst. Festzuhalten ist ohnehin, dass der Umgang miteinander immer in gegenseitigem Respekt und mit Rücksichtnahme geschehen sollte. Und dafür ist nebensächlich, ob es um das Thema Autismus geht, oder irgendein beliebiges anderes Thema, das man mit der Familie, mit Freunden oder im Kollegium bespricht.

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