Können Autisten in’s Kino gehen?

Flackernde Lichter, ein lauter Knall, ständiges Geraschel durch Popcorn und Chips – so könnte man einen Kinobesuch zusammenfassen. Kinobesuche sind reizintensiv, was Menschen mit Autismus oft wesentlich deutlicher wahrnehmen als neurotypische Menschen. Wir stellen verschiedene Ideen vor, wie ein Kinobesuch trotzdem gelingen kann.

Zunächst einmal: Nicht jeder schaut gerne Filme oder geht gern in’s Kino. Das gilt sowohl für Menschen mit Autismus als auch für Neurotypen. Daher sollte die erste Frage nicht lauten „Können Autisten in’s Kino gehen?“ sondern an jeden persönlich: „Willst Du überhaupt in’s Kino gehen?“. Und genau wie jeder bei der Wahl seiner Freizeitaktivitäten unterschiedliche Vorlieben hat, so gibt es verschiedene Möglichkeiten, einen Kinobesuch zu realisieren – wenn man denn grundsätzlich daran interessiert ist.

„Autismus-freundliche“ Filmvorführungen

Im englischsprachigen Raum gibt es sie schon öfter: „Autismus-freundliche“ Filmvorführungen. Diese Vorführungen schaffen eine einladende Atmosphäre für Menschen aus dem Autismus-Spektrum. Dafür werden die Vorführungen nur leicht angepasst: Das Licht im Saal wird nicht ganz heruntergefahren, der Ton ist nicht ganz so laut eingestellt, es gibt keine Trailer oder Werbung vor dem Film und die Platzwahl ist frei. Die Besucher können sich hinsetzen wo sie wollen und können den Platz auch so oft wechseln wie sie möchten. Und falls sie sich nicht hinsetzen wollen, ist dies kein Problem – sie bleiben einfach stehen oder laufen umher. Außerdem dürfen sich die Besucher ihre eigenen Getränke und Süßigkeiten mitbringen. In manchen Kinos wird das Personal in Bezug auf Autismus geschult und es gibt eine extra Ruhezone, in die sich Besucher zurückziehen können.

In Deutschland gibt es bisher nur wenige Kinos, die „Autismus-freundliche“ Filmvorführungen anbieten. Diese Vorführungen stehen allen Besuchern offen. Kurz vor Beginn der Veranstaltung wird den Zuschauern nochmals erzählt, dass es sich um eine Veranstaltung handelt, die für Menschen aus dem Autismus-Spektrum entwickelt worden sei. Es wird außerdem erklärt, wo genau diese Besonderheiten liegen und dass es in diesem Zusammenhang keine festen Regeln gibt, sondern dass es mehr Freiheiten gibt. Und dieses Miteinander funktioniert sehr gut.

Tipps für einen entspannten Kinobesuch

Wer kein solches Kino in der Nähe hat, oder keine Extra-Veranstaltung besuchen möchte, kann sich auch den Besuch eines „Regel-Kinos“ angenehm gestalten. Zum Beispiel kann man die Hauptbesuchszeiten, zu denen es besonders voll ist, vermeiden und stattdessen einen Tag oder eine Uhrzeit aussuchen, wo weniger los ist. Diese können meist auch per E-Mail bei dem jeweiligen Kino erfragt werden. Erfahrungsgemäß voll ist es im Kino donnerstags, wenn die neuen Filme starten, sowie freitags und samstags abends.

Die Filmauswahl richtet sich natürlich nach den persönlichen Vorlieben. Auf der jeweiligen Internetseite kann man sich informieren, wann welcher Film läuft und außerdem den Trailer anschauen. Kinos bieten darüber hinaus im Normalfall eine Sitzplatzreservierung an und zeigen auf einer Grafik, wo sich der Sitzplatz im Raum genau befindet. Diese kann man nutzen, um im Vorhinein den für sich besten Platz auszumachen und zu reservieren. Und für den Kinobesuch selbst ist wichtig, sich bewusst zu machen: Ein Kinosaal kann jederzeit verlassen werden, wenn es zu laut, zu voll oder zu aufregend ist. All diese Tipps gelten im Übrigen für jeden Menschen, der gerne Filme auf großer Leinwand schaut, aber Menschenmengen lieber meidet – ob nun mit oder ohne Autismus.

Die „Autism Theatre Initiative“

Wer keine Filme mag, aber sich vielleicht für Theater oder Musicals interessiert, kann sich ähnlich darauf vorbereiten. Hier sind die Vorstellungen allerdings meistens eher voll. In Amerika gibt es daher die „Autism Theatre Initiative“, die Teil der Non-Profit-Organisation „Theatre Development Fund (TDF)“ ist. Diese Initiative hat es sich zum Ziel gesetzt, Theater und Musicals für Kinder und Erwachsene im Autismus-Spektrum zu machen. Dabei werden die Vorstellungen leicht angepasst. Sehr laute Geräusche und flackernde Lichter werden vermieden. Auch Rundumlichter, die ins Publikum leuchten, werden nicht eingesetzt. Außerdem werden in der Lobby Ruhezonen und Bereiche für Beschäftigungen (z.B. Malen oder Spielen) geschaffen, falls jemand während der Aufführung den Saal verlassen und sich zurückziehen möchte.

Mehr solche „Autismus-freundlichen“ Film-, Theater- und Musicalvorstellungen wären auch in Deutschland wünschenswert. Nicht unbedingt ausschließlich für Menschen mit Autismus, sondern als angenehme Alternative für jeden Menschen, der reizempfindlicher ist oder sich schlichtweg mehr auf den eigentlichen Filminhalt statt die äußeren Effekte konzentrieren möchte. Bis es soweit ist, kann man sich jedoch mit der Kino- und Filmauswahl zu den richtigen Besuchszeiten ein schönes Freizeiterlebnis schaffen.

Neuen Kommentar verfassen

Kommentare

zurück zum Blog