Der Zwang zur Gleichheit – Die Anstrengung der Daueranpassung

Viele Menschen kennen diese Situation, diesen einen Gedanken, wenn man sich in einem Raum mit lauter fremden Personen aufhält: „Jetzt nur nicht direkt auffallen!“ Doch viele Menschen mit Autismus durchleben dieses Gefühl tagtäglich – unter Fremden, Freunden und Familienmitgliedern. Dabei bleibt ihnen oft nur eine Wahl: Dass sie sich anpassen.

Der Druck des sozialen Umfelds

In der heutigen Zeit scheint es so, dass Individualismus und das „Anders-Sein“ überall gepriesen und erwünscht wird. Jeder hat seine eigene Handyhülle, seinen personalisierten, teilweise mit Foto bedruckten Trink-Becher, sein individuell gestaltetes Glas mit Nuss-Nougat-Aufstrich. Aus dieser Sicht könnte man argumentieren, dass es sowas wie den „Zwang zur Gleichheit“ nicht gibt. Wobei paradoxerweise genau in diesem Streben nach Individualität eine Art Anpassung stattfindet, weil es eben „alle tun“. Doch es gibt einen Unterschied: Die einen entscheiden sich ganz bewusst, durch kleinere oder größere Signale ihre individuelle Persönlichkeit und ihr Anders-Sein auszudrücken, oder eben dies nicht zu tun. Andere Menschen – und das betrifft nicht nur Menschen mit Autismus – haben hingegen keine aktive Wahl, ob sie durch eine bewusste Entscheidung herausstechen wollen. Ihr Verhalten wird beim täglichen Kontakt mit Menschen als „anders“ oder „seltsam“ beschrieben. Die einzige Möglichkeit sich solcher Werturteile zu entziehen, scheint eine bewusste und teilweise hart erlernte Anpassung zu sein.

Für viele Menschen mit Autismus ergeben sich immer wieder Schwierigkeiten im sozialen Umfeld und in der Kommunikation mit Neurotypen. Die meisten Menschen im Autismus-Spektrum haben deshalb mit der Zeit gelernt, sich der Umgebung anzupassen. Denn auch die simpelsten Gespräche folgen festen Regeln, die erlernt werden können. Sie lernen durch Beobachtung Körpersprache und Mimik besser zu verstehen, imitieren andere Menschen beim Umgang mit sozialen Kontakten und lernen mühsam, durch welche Anhaltspunkte ironische Aussagen markiert werden. Allerdings kann diese Anpassung auch in ein gegenteiliges Problem umschlagen. So wird bei einzelnen Personen die Autismus-Diagnose in Zweifel gezogen: „Das kann doch gar nicht sein!“ An der Stelle hat der Mensch mit Autismus sich soweit angepasst, dass nun seine Aufrichtigkeit oder der Arzt angezweifelt werden. Hier hilft in den meisten Fällen, offen zu kommunizieren und zum Beispiel darüber zu sprechen und aufzuklären, wie sehr man sich eigentlich anpasst.

Die Anstrengung der Daueranpassung

Wer zu einer bestimmten Gruppe gehören, wer nicht auffallen und wer nicht nur auf einen Aspekt reduziert werden möchte, muss sich anpassen. Für einen Teil der Bevölkerung stellt dies kein Problem dar. Für den anderen Teil ist es ein erschöpfender Kraftakt. Menschenmengen, Geräusche, Körperkontakt, die ständige Kommunikation und dabei nach Möglichkeit immer lächeln und den allgemeinen Regeln der Gesellschaft nachkommen – diesen Druck spüren viele Menschen, mit und ohne Autismus, jeden Tag. Dabei fühlen sie sich oft in ihrer Individualität eingeschränkt, weil sie ständig ihre Verhaltensweisen, eigene Vorstellungen und Wünsche unterdrücken.

Viele Menschen übersehen dabei, dass dies ein doppelter Kraftakt ist: Auf der einen Seite müssen die unliebsamen und auffälligen Verhaltensweisen unterdrückt werden, auf der anderen Seite muss an diese Stelle ein Muster eingebaut und abgerufen werden, dass allgemein anerkannt ist. Dieses Verhalten kann zwar mit der Zeit leichter fallen, doch baut sich im Hintergrund der nächste Druck dieser Anpassungsspirale auf. Der einseitige Prozess der Angleichung, der hier stattfindet, führt zu einem Ungleichgewicht in den sozialen Beziehungen. Die Person, die sich anpasst, weiß genau: Die Akzeptanz besteht vermutlich nur so lange, wie ich es schaffe mich einzufügen. Ändere ich mein Verhalten, werde ich möglicherweise von der Gesellschaft abgelehnt oder von ihr ausgeschlossen. Selbst wenn sich ein Mensch zurückzieht, um neue Kraft zu tanken, riskiert er im sozialen Umfeld auf Unverständnis zu stoßen. Besonders wenn keine andere Person ein ähnliches Bedürfnis verspürt.

Das Problem mit der Sichtbarkeit

Kein Mensch wird von einem Rollstuhlfahrer verlangen, zu Fuß eine Treppe hochzusteigen oder einen 100m-Lauf zu absolvieren. Von Personen mit Autismus oder mit einer sozialen Phobie wird entsprechendes Verhalten erwartet. Dies liegt zu einem großen Teil an der Sichtbarkeit. Die Problematik des Rollstuhlfahrers ist für alle deutlich zu erkennen, die in einem Menschen lebenden Schwierigkeiten jedoch nicht. Etwas, das nicht sichtbar ist, erfährt oft nicht den gleichen Stellenwert und die gleiche Akzeptanz, wie offensichtliche Herausforderungen.

Probleme mit der Sichtbarkeit kennen auch Eltern von Kindern mit Autismus. Viele Menschen im Autismus-Spektrum haben ihre eigenen Strategien mit zu viel Einflüssen von außen umzugehen. Kommt es dann zu einer Reizüberflutung, reagieren gerade Kinder mit lauten Geräuschen, um auf diese Weise die äußeren Einwirkungen zu überdecken. In solchen Situationen steht die Gesellschaft oft daneben, schüttelt den Kopf und sagt: „Was für ein unartiges Kind!“ Oder: „Wie haben die das Kind denn erzogen?“ Ob das Kind einen Grund für sein Verhalten hat, wird nicht bedacht und nicht beachtet.

Sichtbarkeit ist eine Voraussetzung, unter der ein „Anders-Sein“ und „Anders-Funktionieren“ akzeptiert wird. Doch kann die Gesellschaft nicht erwarten, dass jedes nicht sichtbare „Anders-Sein“ der Gesellschaft mit einem bedruckten T-Shirt mitgeteilt wird. Genau so problematisch ist es zu erwarten, dass sich Personen so sehr anpassen, um akzeptiert zu werden, bis sie unter dem Druck zusammenbrechen. Etwas mehr Verständnis und etwas mehr Vielfältigkeit – dadurch werden nicht nur einzelne Charaktere gestärkt und ermutigt, sondern eine ganze Gesellschaft.

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