Autismus und die Sache mit dem Essen

Für viele Menschen ist das Thema Essen nicht einfach. Die einen essen zu wenig, die anderen zu viel. Dabei sprechen alle über das Essen: in Fernsehsendungen wird der beste Koch gesucht, in den Zeitschriften wird eine Diät nach der anderen vorgestellt und jeden Tag wird überlegt, was es heute zu essen gibt. So einzigartig wie jeder Mensch ist, so einzigartig ist auch seine Herangehensweise ans Essen – bei Menschen mit Autismus und ohne.

Warum die sensorische Empfindlichkeit Probleme mit dem Essen bereiten kann

Einige Menschen im Autismus-Spektrum nehmen alltägliche Reize wie Gerüche oder Geräusche anders war als Menschen ohne Autismus. Da die Reize anders verarbeitet werden, kann es sein, dass sie auf manche Situation über- oder unterempfindlich reagieren. Dabei ist eine Über- oder Unterempfindlichkeit nicht einfach gegeben. Sie können sehr spezifisch sein, sind tagesformabhängig oder situationsbedingt.

Bei der Überempfindlichkeit (Hypersensitivität) wird der Geschmack des Essens oft zu intensiv empfunden. Dies führt dazu, dass nur bestimmte Nahrungsmittel gegessen werden. Es kann aber auch sein, dass die Konsistenz des Essens unangenehm ist. Manche Menschen mögen keine Tomaten, haben aber kein Problem mit einer Tomatensuppe oder Tomatenmark. Dieser Umstand tritt sogar recht häufig auf – auch bei Menschen ohne Autismus. Gerüche können ebenfalls überwältigend sein. Aber auch hier sind die Empfindungen sehr unterschiedlich. So kann der Geruch von frischem Hackfleisch als unangenehm und erdrückend empfunden werden. Ist das Fleisch jedoch angebraten, ist die Wahrnehmung eine ganz andere und wird als köstlich und wohltuend aufgefasst.

Die Unterempfindlichkeit (Hyposensitivität) äußert sich eher darin, dass ein starker Geschmack gesucht wird. So bevorzugen einige Menschen sehr scharfes Essen. Zum Bereich der Unterempfindlichkeit gehört aber auch das Pica-Syndrom. Das ist eine sehr seltene Essstörung, bei der die Betroffenen essen, was ihnen zwischen die Finger kommt: Erde, Holz, Farbe usw. Wobei es auch zu Vorlieben kommen kann, wenn z.B. nur die Farben einer bestimmten Firma gegessen werden.

Warum Menschen mit Autismus eher dazu neigen wenig zu essen

Menschen im Autismus-Spektrum mögen oft Rituale im Alltag und haben ein Bedürfnis nach Gleichförmigkeit. Das bringt Stabilität und Sicherheit – Gefühle, die sich die meisten Menschen wünschen. Wird ein Lieblingsprodukt vom Markt genommen oder die Rezeptur verändert, ist das ärgerlich. Es kann aber auch zu einem Gefühl der Unsicherheit führen. Etwas immer da Gewesenes und Bekanntes fällt weg. Das bedeutet: Entweder ich verzichte in Zukunft ganz darauf oder ich muss mich neu orientieren. Dann stehe ich jedoch vor der Vielfalt der Produkte, zwischen denen ich eine Entscheidung treffen muss. Und möglicherweise ist die Konsistenz seltsam oder der Geschmack viel zu intensiv. Um diesen unangenehmen Erfahrungen aus dem Weg zu gehen, verzichten manche Menschen mit Autismus in der Folge ganz auf das Produkt. Dies kann ihren Speiseplan immer mehr einschränken. Es kann schließlich auch dazu führen, dass in dem Augenblick, wenn das Essen anders schmeckt oder das Produkt vom Markt genommen wurde, erst einmal gar nichts zu sich genommen wird.

Ein größeres Problem kann sich einstellen, wenn kein Hunger- oder Durstgefühl empfunden wird. Viele kennen diesen Bezug ausschließlich bei demenzkranken Personen, die vergessen zu essen. Doch so wie es Menschen ohne Sättigungsgefühl gibt, gibt es auch Menschen, die keinen Hunger empfinden. Sie müssen sich immer wieder daran erinnern zu essen und zu trinken. Indem sie sich die Flaschen und Müsliriegel in der Wohnung verteilen und sich durch deren Anblick erinnern oder indem sie sich einen Wecker stellen, der diese Erinnerungsfunktion übernimmt.

Jeder isst anders

Routine und Rituale können auch beim Essen an sich eine große Rolle spielen. Einige bevorzugen eine bestimmte, individuelle Aufteilung des Tellers: auf der linken Seite das Fleisch, in der Mitte das Gemüse und auf der rechten Seite die Kartoffeln. Ist dieses Bild nicht gegeben, sind sie verwirrt und bekommen Probleme beim Essen. Dem nächsten ist die Aufteilung egal, Hauptsache eine bestimmte Farbe ist gegeben: es werden nur rote Lebensmittel zu sich genommen oder das Essen muss blau eingefärbt sein. Jemand ganz anderes püriert jegliche Nahrungsmittel, weil die Konsistenz ihm angenehmer ist.

Jeder Mensch ist anders und daher isst auch jeder Mensch anders. Der eine isst jeden Morgen dasselbe, der nächste nimmt das, was er als erstes im Kühlschrank findet. Der eine trinkt ausschließlich die Getränke der Marke X, der andere schmeckt keinen Unterschied zwischen den Herstellern. Es gibt Produkte, die in zwei unterschiedlichen Größen angeboten werden. Eine Person kauft nach der benötigten Menge, die nächste nimmt die Größe, die sie immer nimmt und wieder jemand anders findet, dass der Geschmack der Größen verschieden ist und wählt nach seiner Vorliebe aus.

Menschen werden von Routinen und Gewohnheiten beeinflusst, von der Gestaltung der Verpackung oder dem Versprechen einer bestimmten Marke. Es sind nicht immer nur der Geschmack, der Geruch oder die Konsistenz, die unser aller Essverhalten bestimmen. Es sind viele kleine und große Dinge, die sich in uns zusammensetzen und einen individuellen und einzigartigen Esser hervorbringen. Daher lässt sich über Geschmack auch nicht streiten, wie eine bekannte Redewendung sagt. Über Geschmack kann man nicht argumentieren.

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