Autismus und Beruf: Chancen, Hürden und wie der Einstieg gelingen kann

Die Berufswelt ist nicht einfach, gerade wenn es um den Einstieg geht. Chancen, Initiativen, spezialisierte Vermittler und ein größeres Wissen über Autismus eröffnen neue Möglichkeiten, in die Berufswelt einzusteigen und sich zurecht zu finden.

Spezialisiertes Wissen – nicht nur in der Technik

Viele denken, dass Menschen mit Autismus generell ein besonders starkes Talent und Wissen im Bereich der Technik und Mathematik haben. Dem ist aber nicht so. Die Talente und Spezialgebiete gehen über Technik und Mathematik hinaus. So haben manche ein großes Interesse an Worten oder Fremdsprachen, andere an Musik, Kunst usw. Die Interessen sind genauso breit und vielfältig, wie bei Neurotypen.

Denise Linke ist ein gutes Beispiel. Sie liebt Worte und fiel im Abitur in Mathe fast durch. Ihre kreative Ader und Liebe zu Worten machte sie zu ihrem Beruf und arbeitet als Autorin. Zudem brachte sie ein Magazin heraus, „N#mmer“, das erste Magazin von Autisten für Autisten, welches allerdings nicht mehr verlegt wird.

Die heutige Forschung hat dennoch Rückschlüsse gezogen, dass sehr viele Menschen mit Autismus analytisch-logisch denken, detailliert arbeiten, ehrlich sind und mit Zahlen, Daten und Formeln gut umgehen können. Einige Vorurteile stimmen also schon – man sollte aber wie immer keine generalisierten Schlüsse ziehen, dass alle Menschen mit Autismus so sind oder nur eine Veranlagung zur Technik und Mathematik besäßen.

Chancen, um in die Berufswelt einzusteigen

Viele Unternehmen haben erkannt, dass es sich lohnt Menschen mit Autismus einzustellen, gerade weil die Arbeitsweise etwas anders ist als bei Neurotypen. Menschen mit Autismus arbeiten sehr präzise und es macht ihnen auch nichts aus für längere Zeit an detaillierten, gleichbleibenden Tätigkeiten zu arbeiten. Beispielsweise die israelische Armee nutzt dies und stellt gezielt Menschen mit Autismus ein, um Karten zu studieren und so kleine, aber wichtige Veränderungen der Umgebung festzustellen.

Auch in Deutschland sind Unternehmen gezielt auf der Suche nach Talenten, die autistisch veranlagt sind. Das IT-Unternehmen SAP ist ein Beispiel. SAP arbeitet in Deutschland mit der Organisation Specialisterne zusammen, um Menschen, die auf dem ASS-Spektrum sind, zu rekrutieren. Ein weiteres Unternehmen ist Auticon, ebenfalls in der IT-Branche, welches spezifisch Menschen mit Autismus einsetzt und weiter vermittelt.

Wege in die Berufswelt

Die persönliche Interaktion ist die größte Hürde, nicht nur im Umgang mit Kollegen, sondern auch im Vorstellungsgespräch. Specialisterne hat ein System entwickelt, welches Bewerber nicht unter Druck setzt und zugleich ihr Talent zeigt. Anstelle eines klassischen Vorstellungsgesprächs bauen die Bewerber mit LEGO® Mindstorms einen Roboter und programmieren diesen.

Dies entlastet die Bewerber, da die oftmals stressige soziale Interaktion wegfällt. Zugleich zeigt die Aufgabe, wie sie Probleme lösen und gewährt einen Einblick in spezielle Fähigkeiten. Daraufhin folgt eine vier- bis sechswöchige Vorbereitung mit Specialisterne auf die Arbeitswelt.

Auf der anderen Seite gibt es Workshops, die die bestehenden Mitarbeiter auf ihren neuen Kollegen vorbereiten. Dabei wird beispielsweise erklärt, dass Großraumbüros als stressig und eine reizreduzierte Umgebung als wohliger empfunden werden und oft Kopfhörer für eine bessere Konzentration notwendig sind.

Zudem wird die Kommunikation geschult. Neurotypische Mitarbeiter lernen, dass die Kommunikation so klar wie möglich sein muss, frei von Redewendungen, Ironie und Sarkasmus. Außerdem wird betont, dass jeder seine eigene Arbeitsweise hat. Wie eine Aufgabe gelöst wird, liegt beim jeweiligen Kollegen selbst. Specialisterne geht sogar noch weiter und betreut seine Schützlinge noch einige Zeit über den Jobantritt hinaus, durch wöchentliche Telefonate.

Die Berufswelt im Wandel

Es zeigt sich, dass sich die Berufswelt verändert. Die Vorteile des Andersseins werden Unternehmen immer mehr bewusst, sodass sie nun ganz gezielt neue Talente einsetzen. Es zeigt sich aber auch, dass noch viel zu tun ist, damit die Zusammenarbeit gelingt. Denn Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie Kollegen müssen sich alle aufeinander einstellen können und möglicherweise den Büroalltag etwas anpassen. Glücklicherweise gibt es neben der steigenden Anzahl an gezielt suchenden Unternehmen auch immer mehr Möglichkeiten durch Vermittler und Unterstützung, um gut in den Beruf zu kommen.

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