Anders ohne Grund: Wenn Autismus nicht erkannt wird

In den letzten Jahren wird Autismus immer mehr bei jungen Menschen erkannt, sodass diese sich entsprechend informieren und darauf einstellen können. Doch was, wenn die Diagnose ausbleibt und man für das eigene Anderssein keine Erklärung findet?

„Was mache ich falsch?“

Viele nicht diagnostizierte Autisten beschäftigen diese und andere Fragen in der ein oder anderen Form ihr Leben lang: „Warum fällt mir der Umgang mit anderen so schwer?“, „Was ist an mir so anders?“. Die Diagnose Autismus wird in den letzten Jahren immer häufiger gestellt, aber das geschieht vor allem bei jungen Menschen. Wenn Autismus bis ins Erwachsenenalter unerkannt bleibt, wird die Diagnose immer schwerer, weil die betroffenen Menschen immer bessere Methoden entwickeln, ihre Symptome gesellschaftlich vorteilhaft zu verheimlichen. 

Frauen sind wohl häufiger betroffen

Die Zahl von Menschen, die Autismus haben, aber bei denen er nicht diagnostiziert wurde, ist notgedrungenermaßen eine Dunkelziffer: Niemand weiß genau, wie viele es gibt, denn wenn man es wüsste, wären sie ja schon diagnostiziert. Allerdings ist eine Vermutung weit verbreitet: Obwohl Frauen statistisch signifikant seltener von Autismus betroffen sind als Männer, gehen viele Experten davon aus, dass anteilig deutlich mehr von ihnen keine Diagnose erhalten. Das klingt zunächst widersprüchlich, jedoch könnte das eine aus dem anderen resultieren: Gerade weil Frauen objektiv seltener betroffen sind, könnten Ärzte bei ihnen mehr Vorbehalte beim Aussprechen der Diagnose „Autismus“ haben – selbst in Fällen, wo diese zutreffen würde. Ein weiterer Aspekt könnte sein, dass viele Frauen besser darin sind, die Symptome zu überspielen; wohl auch deswegen, weil zurückhaltendes Verhalten von ihnen gesellschaftlich (noch) mehr akzeptiert wird als von Männern.

Unerkannter Autismus kann der Seele schaden

Bleibt eine Diagnose aus, müssen betroffene Autisten ohne Anleitung und Hilfestellung eine eigene Art und Weise finden, mit der Welt umzugehen. Bei vielen von ihnen führt das dazu, dass sie verschiedene Strategien entwickeln, die Symptome zu kompensieren. Diese Kompensation allerdings kann krankmachen. Denn statt sich mit dem eigenen Anderssein auseinanderzusetzen, verstellen sie sich chronisch, um anderen zu gefallen bzw. gesellschaftlich nicht negativ aufzufallen. Das ist über kurze Zeit unangenehm, über lange Zeit kann es sogar krankmachen.

Zunächst sind die Konsequenzen „nur“ seelisch. Wer jedoch über Jahre hinweg eine Rolle spielt, die dem eigenen Selbst nicht entspricht, muss früher oder später auch mit körperlichen Konsequenzen rechnen, die aus dem Stress resultieren. Es kann schwierig sein, wenn man sich zu sehr an einen Zustand gewöhnt hat, selbst wenn dieser problematisch ist – Doch genau deswegen ist es so wichtig auch im fortgeschrittenen Alter auf die seelischen und körperlichen Signale zu achten. Es ist nie zu spät für eine Diagnose und die damit verbundene Möglichkeit der Selbsterkenntnis.

Wissen entlastet

Die Diagnose, dass das eigene Kind autistisch ist, ist für viele Eltern zunächst als erste Reaktion erstmal eine Belastung. Bei einer späteren Diagnose, die die Betroffenen dann meist selbst erhalten, ist oft das Gegenteil der Fall: Sie bringt sehr oft eine enorme Erleichterung für sie selbst mit sich. Denn der Autismus war schon immer da und mit der Diagnose ergibt das schon immer wahrgenommene Anderssein auf einmal einen Sinn. Endlich gibt es Antworten auf die oben genannten Fragen: „Was mache ich falsch?“ – Gar nichts. Wer weiß, welche Ursachen das eigene Anderssein hat, kann sich dazu gezielt informieren und mit anderen Betroffenen austauschen. Sich selbst einzugestehen, dass man einfach anders ist und entsprechend zu leben, kann in jedem Alter sehr befreiend sein.

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