Synästhesie – Wenn Farben klingen

Welche Farbe hat die Zahl „5“? Für viele mag diese Frage seltsam anmuten, aber manche Menschen wissen hierauf instinktiv eine Antwort – wegen einer Wahrnehmungseigenschaft, die man als „Synästhesie“ bezeichnet. Dieses Phänomen tritt bei Menschen mit Autismus Studien zufolge überdurchschnittlich häufig auf.

Was ist Synästhesie?

Synästhesie ist ein Oberbegriff für verschiedene Wahrnehmungsphänomene. Sie alle haben eines gemeinsam: Eine Wahrnehmung ist an eine andere gekoppelt und kann durch diese ausgelöst werden, ohne, dass für sie selbst ein eigener Sinnesreiz vorliegt. Menschen, deren Wahrnehmung von Natur aus zu einem gewissen Grad so funktioniert, werden als „Synästheten“, manchmal auch als „Synästhetiker“ bezeichnet.

Am häufigsten liegt Synästhesie mit Farben vor. So kann es zum Beispiel sein, dass Menschen, die die Zahl „5“ sehen, gleichzeitig den Farbeindruck „grün“ haben. Aber Synästhesie kann unterschiedlichste Formen annehmen und es gibt nicht immer nur eine direkte Verbindung zwischen einem Sinnesreiz und einem anderen. Bestimmte Erlebnisse können auch gleich mehrere synästhetische Eindrücke hervorrufen. So kann ein bestimmter Ton auf dem Klavier „hell“ sein sowohl im klanglichen als auch im visuellen Sinne und gleichzeitig ein Gefühl von Wärme oder Kälte oder sogar bestimmte Geschmäcker oder Düfte mit sich bringen.

Was für viele Menschen ohne Synästhesie vollkommen absurd klingen mag, ist für Synästheten völlig normal. Es ist Teil ihrer alltäglichen Wahrnehmungswelt und beeinträchtigt sie nur selten merklich im Alltag.

Synästhesie und Autismus

Einer Studie zufolge tritt Synästhesie bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum fast dreimal so häufig auf wie bei Neurotypen, knapp 19% im Verhältnis zu etwa 7%. Auch für sie gehört es zum Alltag, manchmal oft so sehr, dass sie sich der eigenen Synästhesie gar nicht bewusst sind, bis man sie darauf hinweist. Die Dunkelziffer von Synästheten könnte also höher liegen – sowohl bei Menschen, die ins Autismus-Spektrum fallen als auch bei solchen, die es nicht tun.

Wie Autismus geht Synästhesie oft mit einer besonderen Gehirnstruktur einher. Es wird daher vermutet, dass beide ähnliche Ursachen haben, was die häufige Verbindung ihrer Symptome erklären könnte. Das soll nicht heißen, dass sich die besondere Wahrnehmung von Autisten auf Synästhesie reduzieren lässt. Viele Autisten haben Synästhesie aber zusätzlich zu den anderen besonderen Eigenschaften, die ihre Wahrnehmung der Welt ausmacht. Meistens schränken diese synästhetischen Eindrücke auch sie im Alltag nicht zusätzlich ein, aber es gibt Ausnahmen.

Probleme und Vorteile

Schwierig kann es werden, wenn Situationen, die ohnehin schon mit sehr viel Stress verbunden sind, durch Synästhesie verstärkt werden. Lärm an öffentlichen Plätzen kann an sich schon sehr belastend sein. Verursacht die Art jenes Lärms dann noch zusätzlich weitere Eindrücke, kann das für viele Menschen aus dem Autismus-Spektrum sehr schnell überwältigend sein, im Ernstfall sogar Overload hervorrufen. Gerade deshalb ist es wichtig, seine eigenen Auslöser zu kennen, sie sich zu merken und im Ernstfall zu meiden.

Zwar kann Synästhesie in solchen Grenzsituationen ein Nachteil sein, normalerweise ist sie aber wie auch Autismus selbst nur eine andere Art, die Welt wahrzunehmen. Übrigens gibt es auch Hinweise, dass auch gerade Schüler an Kunstschulen besonders häufig von Synästhesie betroffen sind. Hier könnte das Verhältnis von Synästheten zu Nicht-Synästheten sogar noch größer sein als bei einem Vergleich zwischen Autisten und Neurotypen. Man könnte also auch sagen: Synästhesie macht kreativ! 

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