Ohne Worte: Wie wichtig Gebärdensprache für viele Autisten ist

Viele Menschen mit Autismus kommunizieren nicht oder selten auf verbaler Ebene. Es zeigt sich aber, das Gebärden vielen von ihnen helfen können, sich anderen mitzuteilen. Das Erlernen bzw. Entstehen dieser Gebärden kann dabei sehr individuell verlaufen.

Es beginnt meist durch eigenes Entdecken

Während der frühkindlichen Entwicklung stellt der Spracherwerb für Kinder mit Autismus häufig eine Hürde dar. Es kommt auch regelmäßig vor, dass verbale Sprache zwar verstanden wird, aber nicht artikuliert werden kann.

Beispiele zeigen aber, dass einige der betroffenen Kinder bereits im frühen Kindergartenalter beginnen, selbst Gebärden zu benutzen, um der Umwelt eigene Bedürfnisse und Wünsche mitzuteilen. Dies können zunächst einfache Zeichen mit einer oder beiden Händen sein, die erst einmal von der Umwelt interpretiert werden müssen, aber deutlich machen, dass das Kind etwas mit ihnen zum Ausdruck bringen möchte.

Haben die Kinder einmal begonnen, sich dieses Kommunikationssystems zu bedienen, ist der erste Schritt zum Erlernen einer standardisierten Gebärdensprache bereits getan. Eltern und andere Bezugspersonen können nun behutsam beginnen, die Gebärden des Kindes zu lenken und seinen Wortschatz mit neuen Zeichen zu erweitern. Idealerweise lernen auch die Bezugspersonen gleichzeitig die Gebärdensprache. In Deutschland kann das zum Beispiel die DGS sein, die Deutsche Gebärdensprache. Gebärdensprache nützt niemandem, wenn das eigene Umfeld die verwendeten Zeichen nicht versteht. Bei Kindern mit Autismus, die auf diese Weise zu kommunizieren gelernt haben, sind somit zumindest die Eltern, die es ihnen beigebracht haben, potentielle Ansprechpartner. Aber auch das nähere Umfeld sollte motiviert werden, sich zumindest ein wenig mit der Gebärdensprache des Kindes auseinanderzusetzen. Denn je mehr Menschen ein Kind sich verständlich machen kann, desto besser.

Jeder Mensch lernt anders

Das Erlernen der neuen Sprache kann über einen langen Zeitraum andauern. Wichtig scheint zu sein, keinerlei Druck oder Zwang hinsichtlich des Lerntempos auszuüben. Es sollte auch keinen Zwang für das Kind geben, sich der Gebärden zu bedienen. Es sollte frei entscheiden können, wann und was es mit den Gebärden ausdrücken möchte. Eine liebevolle Begleitung seitens der Eltern und Bezugspersonen, die das Kind in seiner sprachlichen Entwicklung unterstützen, ist für den Erfolg besonders förderlich.

Eine Besonderheit der Gebärdensprache DGS besteht darin, dass die Gebärden durch Mimik und Körpersprache unterstützt und in ihrer Bedeutung spezifiziert werden. Dies bedeutet für den autistischen Menschen, dass eine Hinwendung zum Gesprächspartner das Verstehen vereinfacht. Da autistische Menschen oft den Blickkontakt mit anderen Menschen nach Möglichkeit vermeiden, kann das Erlernen der Gebärdensprache auch zu einer vermehrten Hinwendung zum Gesprächspartner führen. So wird berichtet, dass beim Erlernen der Gebärdensprache die Mimik-Interpretation automatisch mitgelernt wird – sehr praktisch gerade für Menschen mit Autismus.

Nicht nur für Kinder interessant

Auch für erwachsene Autisten kann die Kommunikation mittels Gebärdensprache vorteilhaft sein. Manche Menschen mit Autismus können sehr gut sprechen, neigen jedoch zu Phasen, in denen es ihnen große Probleme bereitet ihre Gedanken zu verbalisieren (sowohl äußerlich als auch innerlich). Oder sie empfinden das Sprechen an sich in bestimmten Situationen oder zu bestimmten Zeitpunkten schlicht als so unangenehm, dass sie es vermeiden möchten. Dann kann eine Gebärdensprache ein wertvolles Hilfsmittel sein. Leider sind bei Erwachsenen nicht automatisch Personen aus der Familie oder dem Umfeld da, die eine Gebärdensprache mitlernen würden und dann als Ansprechpartner fungieren könnten. Aber es gibt viele Hilfsmittel und Materialien wie Bücher, Gebärdenlisten oder auch Apps, die beim Übersetzen der Gesten helfen können. Die häufig bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum vorkommende Abneigung gegen Lärm ist ein weiterer Pluspunkt für die Gebärdensprache. Sie ist eine lautlose Alternative zur verbalen Sprache. Gebärdensprache kann für nicht-sprechende Autisten also eine gangbare Alternative zur verbalen Verständigung sein. Gebärdensprachliche Frühförderung und Schulbegleitung kann den Spracherwerb unterstützen und stärken.

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