Anders, aber maximal selbstständig – Autismus und Autonomie

Wenn das Erwachsenenleben beginnt, will jeder Mensch selbstständiger werden. Das bedeutet auch von zu Hause auszuziehen und die eigenen Eltern zu verlassen. Dieser Wandel bringt große Veränderungen des Alltags mit sich, die jeden Heranwachsenden vor große Herausforderungen stellt. Menschen mit Autismus haben es oft noch schwerer und es kommt häufig vor, dass therapeutische Wohngemeinschaften oder ambulante Betreuungsmöglichkeiten genutzt werden. Mit der richtigen Herangehensweise können viele Menschen im Autismus-Spektrum aber auch sehr gut allein leben.

Spezielle Wohnprojekte bieten Unterstützung

Rund drei Viertel der erwachsenen Autisten leben nicht mehr bei ihrer Familie, sondern in Heimen, Wohngemeinschaften oder speziellen Wohnprojekten. Wie diese im Einzelnen aussehen und wieviel Autonomie dort möglich ist, hängt stark vom jeweiligen Projekt ab. Die Zahl solcher Projekte, die sich gezielt an Autisten richten, steigt in den letzten Jahren stetig an.

Selbstständigkeit erfordert Planung

Selbstständig zu leben bedeutet eine Wohnung zu haben und auch finanzieren zu können, sie in einem guten Zustand zu halten, sich mit Nahrung zu versorgen. Das alles kostet Geld, das entsprechend zu verdienen ist. Der Einstieg ins Erwachsenenleben ist so auch für Neurotypen gerade zu Beginn der Eigenständigkeit eine Herausforderung. Für Autisten kann es noch schwieriger sein. Daher gilt es, den Tag zu strukturieren und zu planen um mit den Herausforderungen gut umzugehen: Tagesabläufe sollten so weit wie möglich klar strukturiert werden. Bestimmte Tage zu Waschtagen zu erklären schafft Transparenz und Einkäufe auf Zeiten zu legen, in denen die Läden leerer sind, kann die Belastung minimieren. Wichtig ist vor allem eines: Es gilt zwar, maximal selbstständig zu sein – das heißt aber nicht, dass man sich nicht dann Hilfe und Rat holen sollte, wenn es nötig ist. Therapiestunden und ein selbstständiges Leben sind auch bei Menschen, die nicht auf dem autistischen Spektrum liegen, keine Widersprüche.

Eigenständigkeit heißt für jeden etwas anderes

Häufig wird eines vergessen: Kein Autist zu sein heißt nicht automatisch selbstständig leben zu können. Bei Neurotypen werden Schwierigkeiten mit der Eigenständigkeit jedoch anders bewertet als bei Autisten. Bei ihnen wird davon ausgegangen, dass sie im Erwachsenenalter fähig sind, allein zu leben und sich zu versorgen. Wenn das nicht der Fall ist, so bilden sie die Ausnahme. Bei Autisten ist es umgekehrt: Man geht davon aus, dass es ihnen schwerfällt, alleingestellt zu leben. Wenn Neurotypen im Alltag Hilfe benötigen, wundern sich viele darüber. Wenn autistische Menschen keine Hilfe benötigen, auch. Das bedeutet leider auch oft, dass ihnen manche Chancen gar nicht erst gegeben werden, die sie nutzen könnten. Es kommt darauf an, wie gut wir in der Jugend auf das Leben als Erwachsene vorbereitet werden. Das gilt für alle Menschen gleichermaßen – völlig egal, ob autistisch oder nicht. 

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